Kolumne: ISUV 2026+ – Zeit für neuen Mut und neue Stimmen
Von Murat B. Aydin, stellvertretender Bundesvorsitzender des ISUV e. V.

Wir sind stark – aber noch nicht sichtbar genug
Wenn ich auf unseren Verband schaue, sehe ich beeindruckende Arbeit:
In über 50 Kontaktstellen engagieren sich Menschen ehrenamtlich, hören zu, helfen, erklären, begleiten. Diese Arbeit geschieht meist leise, persönlich, direkt – und genau das macht ISUV einzigartig.
Aber draußen, in der Öffentlichkeit, in der Politik, wird diese Stärke kaum wahrgenommen. Wir gelten als kompetent, juristisch, verlässlich – aber nicht als sozialer, schützender oder politischer Akteur. Das ist kein Vorwurf – es ist ein Weckruf.
Unsere Gesellschaft verändert sich – wir müssen mitgehen
Familien sehen heute anders aus als vor zwanzig Jahren. Alleinerziehende, Patchwork-Familien, gleichgeschlechtliche Eltern, unverheiratete Paare – das ist Normalität. Doch wir sprechen noch zu oft die klassische Trennungsfamilie an.
Damit bleiben wir in einer Nische, die uns kleiner macht, als wir sind.
Wir müssen zeigen:
ISUV ist für alle da, die Familie leben – auch, wenn sie zerbricht oder sich neu formt.
Dafür brauchen wir neue Themen, neue Gesichter und eine Sprache, die Menschen erreicht, nicht nur Paragrafen erklärt.
Wir müssen emotionaler werden
Unsere Stärke ist Fachwissen. Unsere Schwäche ist, dass wir selten erzählen, warum unsere Arbeit Leben verändert. Was in den Kontaktstellen täglich geschieht – Trost, Orientierung, neue Hoffnung – das ist kein Randthema, das ist gelebter Kinderschutz. Und genau das müssen wir zeigen:
ISUV hilft, bevor Probleme zu Krisen werden. ISUV schützt, bevor Streit zur Eskalation wird.
Wir sollten mutiger erzählen, was uns antreibt – mit Gesichtern, mit Geschichten, mit Haltung.
Standortbestimmung: Zwischen Wahrnehmung und Wirklichkeit
Der allseits bekannte Artikel des Rechercheportals CORRECTIV aus dem Jahr 2023 („Die Netzwerke der Väterrechtler“) hat uns deutlich gemacht, wo wir kommunikativ stehen – und wo wir besser werden müssen. Dort werden verschiedene Organisationen beschrieben, die mit einseitigen oder gar frauenfeindlichen Positionen in Verbindung gebracht werden. In diesem Zusammenhang fällt auch der Name ISUV – nicht wegen tatsächlicher Inhalte, sondern wegen mangelnder Differenzierung in der öffentlichen Wahrnehmung.
Wir müssen das ernst nehmen – nicht empört, sondern selbstkritisch. Denn öffentliche Wahrnehmung entsteht nicht durch bösen Willen, sondern oft durch zu wenig klare Kommunikation. Wenn wir nicht erklären, wer wir sind und was uns leitet, erklären andere, wer sie in uns sehen.
ISUV ist kein Sprachrohr einseitiger Interessen.
Wir sind ein Verband der Mitte – für Fairness, Verantwortung und gegenseitigen Respekt. Wir stehen für den Schutz von Kindern, für Gewaltfreiheit, für gleichberechtigte Elternschaft. Wir lehnen jede Form von Frauenfeindlichkeit, Hass, Schuldzuschreibung oder ideologischer Polarisierung ab.
Unsere Aufgabe ist nicht, alte Fronten zu bedienen, sondern Brücken zu bauen:
zwischen Müttern und Vätern, zwischen Trennungsfamilien und Politik, zwischen Recht und Menschlichkeit.
Deshalb werden wir unsere Sprache, unsere Themen und unsere Präsenz weiterentwickeln – damit sichtbar wird, wer wir wirklich sind:
ein Verband, der vereint statt spaltet, der schützt statt verurteilt, der zuhört statt anklagt.
Wir stehen nicht in der vierten Ecke. Wir stehen in der Mitte der Gesellschaft – dort, wo die Familien sind.
Neue Zielgruppen, neue Chancen
Wenn wir wachsen wollen, müssen wir Menschen ansprechen, die uns bisher nicht sehen:
- Mütter und Frauen nach Trennung – sie suchen Sicherheit und faire Lösungen.
- Junge Eltern – sie wollen wissen, wie man Verantwortung teilt, bevor es zu spät ist.
- Patchwork- und Stieffamilien – sie brauchen Orientierung.
- Menschen mit Migrationshintergrund – sie brauchen klare Sprache und verständliche Informationen.
Das alles können wir bieten – aber nur, wenn wir es sagen. Nicht im Fachjargon, sondern mit Herz und Haltung.
Politisch gehört werden – nicht nur gefragt
Wir werden in Berlin gehört, wenn Gesetze reformiert werden – aber meist auf Anfrage, nicht aus eigener Initiative. Das muss sich ändern.
Wir brauchen eine eigene Stimme in der Familienpolitik – klar, selbstbewusst, reformorientiert. Dafür müssen wir Themen setzen: Gewaltprävention, Kinderschutz, gerechtes Unterhaltsrecht, Wahlfreiheit für Familien.
Und wir müssen lokal präsenter sein: In Familienbeiräten, Jugendhilfeausschüssen, bei Selbsthilfetagen, in der Presse. Unsere Kontaktstellen können das – sie sind die Gesichter des Verbandes vor Ort.
Was jetzt zählt
ISUV steht seit Jahrzehnten für Gerechtigkeit, Vernunft und Beratung. Das bleibt.
Aber die Zukunft verlangt mehr: Mut, Empathie und gesellschaftliche Präsenz.
Wenn wir zeigen, dass wir
- nicht nur beraten, sondern schützen,
- nicht nur fordern, sondern gestalten,
- nicht nur zuhören, sondern sichtbar Verantwortung übernehmen,
dann gewinnen wir neue Mitglieder – und neues Vertrauen.
ISUV 2026+ bedeutet:
Wir bleiben vernünftig – aber wir werden mutiger.
Wir bleiben juristisch – aber wir werden menschlicher.
Wir bleiben wir – aber mit offenem Blick für morgen.