ISUV Reihe: Was ist eigentlich…?
In unserer kleinen Reihe erklären wir in jeder Ausgabe einen Begriff aus Psychologie und Coaching, der hilft, sich selbst und andere besser zu verstehen – kurz, alltagstauglich und ohne Fachchinesisch, mit einem Gedanken zum Mitnehmen.
In jeder Ausgabe schauen wir uns einen dieser Begriffe genauer an.
Was ist eigentlich Empathie?
Empathie bedeutet, die Gefühle und Perspektiven eines anderen Menschen wahrnehmen und nachvollziehen zu können. Wörtlich heißt das: sich in jemanden hineinfühlen.
Empathie wird oft als Mitgefühl verstanden.
Tatsächlich geht es aber um etwas anderes: Die Fähigkeit, sich in einen anderen Menschen so einzufühlen, dass man ihn in seiner inneren Welt verstehen kann, ohne seine Gefühle selbst zu übernehmen.
Empathie ist nicht dasselbe wie Mitleid.
- Mitleid heißt: Ich leide mit dir.
- Empathie heißt: Ich verstehe, wie es dir geht und bleibe trotzdem bei mir.
In der Praxis lassen sich zwei Formen unterscheiden:
Emotionale Empathie (Einfühlen):
Wir spüren unmittelbar, wie es dem anderen geht.
Das schafft Nähe, kann aber auch dazu führen, dass wir von den Gefühlen des anderen mitgerissen werden und den Kontakt zu uns selbst verlieren. Gerade in konflikthaften Situationen kann das schnell überfordernd werden.
Kognitive Empathie (Verstehen):
Hier geht es weniger ums Mitfühlen, sondern darum, die Perspektive des anderen nachzuvollziehen:
- Was könnte ihn gerade bewegen?
- Was steht hinter seinem Verhalten?
Das hilft, klarer zu bleiben und bewusst zu reagieren, statt nur impulsiv.
Gerade in Konflikten oder Trennungssituationen sind wir oft selbst emotional stark angespannt. Unser Nervensystem schaltet dann in einen Alarmmodus. Das Gehirn geht auf „schnell reagieren“ und nicht auf „in Ruhe verstehen“. In diesem Zustand fällt es uns schwer, ruhig zu denken und uns in andere hineinzuversetzen.
Deshalb gelingt es Außenstehenden wie Mediatoren oder Beratern oft leichter, den Überblick zu behalten.
Empathie braucht Grenzen
Empathie hilft, andere besser zu verstehen, Konflikte zu entschärfen und Beziehungen menschlicher zu gestalten. Gleichzeitig zeigt sich gerade in belastenden Situationen, wie anspruchsvoll Empathie sein kann. Wenn wir selbst stark betroffen sind, fällt es oft schwer, den anderen noch klar wahrzunehmen.
Entscheidend ist, den anderen zu verstehen und dabei die eigene Sicht und die eigenen Bedürfnisse im Blick zu behalten.
Fun Fact
Studien zeigen, dass kognitive Empathie in Konfliktsituationen besonders hilfreich ist, weil sie Klarheit schafft. Menschen mit guter Empathiefähigkeit sind deshalb oft nicht konfliktscheuer, sondern besser darin, klar und respektvoll Grenzen zu setzen.
Gedanke zum Mitnehmen
Empathie heißt: Ich verstehe dich und entscheide bewusst, wie ich damit umgehe.
Wenn du merkst, dass es emotional wird, halte kurz inne und frage dich: „Was könnte den anderen gerade bewegen?“ Dann: „Was brauche ich gerade?“
In der nächsten Ausgabe: Selbstregulation
Warum reagieren wir in stressigen Situationen manchmal so heftig? Und wie können wir lernen, wieder mehr Ruhe und Kontrolle zu gewinnen? Wir schauen uns an, wie unser Nervensystem funktioniert und was uns hilft, in schwierigen Momenten wieder handlungsfähig zu werden.
Anna Freitag
Über die Autorin:
Anna Freitag ist Mediatorin und Rechtsanwältin sowie Mitglied des Bundesvorstands des ISUV und engagiert sich für konstruktive Kommunikation und einvernehmliche Lösungen im Sinne der Kinder.